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Nachruf

Mit großer Bestürzung haben wir die Nachricht vom Tod unseres Kollegen Herrn Prof. Dr. Ralf Herbert Gahr erhalten, der am 2. August 2020 von uns gegangen ist. Herr Professor Gahr hat der Medizin über Jahrzehnte hinweg als leidenschaftlicher Unfallchirurg gedient und als Visionär viele Kolleginnen und Kollegen geprägt.

 

Herr Prof. Dr. Ralf Gahr, geboren am 14.06.1952 in Dortmund, studierte von 1970 bis 1976 Humanmedizin in Köln und in London. Die Promotion konnte bereits 1976 erfolgreich verteidigt werden. Nach seiner Weiterbildung zum Facharzt für Chirurgie am Städtischen Klinikum Dortmund spezialisierte er sich auf dem Gebiet der Unfallchirurgie und ist 1986 zum Oberarzt an der Unfallklinik Dortmund ernannt worden. Sein breites fachliches Interesse fand seinen Niederschlag neben der Facharztqualifikation für Chirurgie und der Zusatzbezeichnung Unfallchirurgie im Erwerb der speziellen Unfallchirurgie, der speziellen Handchirurgie und der Chirurgischen Intensivmedizin.

Über Jahrzehnte war Prof. Gahr hoch engagiert dem Rettungsdienst verbunden, erst als Notarzt, später viele Jahre als Leitender Notarzt. Für die Begründung der Notarztausbildung in NRW und Mitwirkung an der Konzeption und dem Aufbau der LNA-Strukturen in Deutschland wurde ihm 1993 die Silberne Ehrennadel der LÄK-Westfalen-Lippe verliehen.

Im Jahr 1993 übernahm Herr Prof. Gahr die Leitung der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie am Städtischen Klinikum St. Georg Leipzig. Hier durften wir ihn als einen vor Tatendrang und Visionen sprühenden Kollegen kennenlernen, der mit Energie, Fleiß und Ausdauer die Klinik erweiterte, modernisierte und als einer der ersten in Deutschland ein interdisziplinäres Traumazentrum ins Leben rief. Trotz seines zu diesem Zeitpunkt schon großen fachlichen und operativen Erfahrungsschatzes blieb er immer am Puls der Entwicklungen seines Faches. Neben regelmäßigen von ihm organisierten Fort- und Weiterbildungen, Symposien und Kursen sind vor allem sein Blick für die Interdisziplinarität und für das Ziel einer umfassenden Behandlung der Patienten von der präklinischen Phase über eine optimale klinische Betreuung bis hin zur Nachbetreuung hervorzuheben. Herr Professor Gahr leitete das interdisziplinäre Traumazentrum am Städtischen Klinikum St. Georg Leipzig bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2016. Viele Kolleginnen und Kollegen sind an dieser renommierten Klinik unter seiner Leitung ausgebildet worden.

Herr Professor Gahr war sein Berufsleben lang wissenschaftlich aktiv. 1997 habilitierte er sich an der Universität Leipzig. Im Jahr 2000 wurde ihm eine Ehrenprofessur der Universität Skopje in Mazedonien verliehen und im Jahr 2008 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Leipzig ernannt.

Er bereicherte die medizinische Wissenschaft als Herausgeber verschiedener Fachbücher, mit zahlreichen Buchbeiträgen, einer langen Reihe von Publikationen und über 500 Vorträgen auf nationalen und internationalen wissenschaftlichen Veranstaltungen. Darüber hinaus war er Mitbegründer der PubMed-gelisteten Zeitschrift „GMS Interdisciplinary Plastic & Reconstructive Surgery DGPW“ im Jahre 2012 und war seitdem als Editor-in-Chief tätig. Professor Gahr war in verschiedenen Editorial Boards und als Gutachter renommierter Fachzeitschriften engagiert.

Sein berufspolitisches Engagement war groß. Er war als Mitglied und in den Gremien verschiedener nationaler und internationaler Fachgesellschaften, auch in verschiedensten verantwortlichen Ämtern, tätig. So war er beispielhaft seit 2008 Vorstandsmitglied der DGPW, im Jahr 2010 Präsident dieser Gesellschaft und seit 2011 ihr Generalsekretär.

Professor Gahr hat sich ein Berufsleben lang für die Belange der berufsgenossenschaftlichen Unfallversorgung eingesetzt. Als beratender Arzt und Gutachter war er hier ein gefragter Sachverständiger. Seine umfassende Erfahrung im Gutachtenwesen führte folgerichtig in die Gründung eines gefragten medizinischen Gutachteninstitutes.

Die Liste der medizinischen Verdienste und Erfolge kann an einer solchen Stelle nur unvollständig bleiben, beispielhaft erwähnt seien sein medizinisches Engagement an der Universität Skopje und im Libanon, zahlreiche Auszeichnungen und Preise, Präsidentschaften und Vorstandstätigkeiten sowie die Mitarbeit in internationalen Expertengremien. Von seinem darüber hinaus gehenden und fortwährenden Interesse auch über die Fachgrenzen zeugt unter anderem der erfolgreiche Abschluss eines Masters of Health Business Administration im Jahr 2014.

Wichtig ist uns aber im Besonderen, auch den Menschen Professor Gahr zu würdigen. Denn seine humanistische Bildung, sein Interesse für Kunst, Literatur und Musik, seine langjährige und erfolgreiche Karriere als Judoka, aber auch der Spaß an schönen und durchaus schnellen Autos sind untrennbar mit diesem humorvollen, interessanten und interessierten Gesprächspartner verbunden. Und für alle, die bei ihm ausgebildet worden sind oder mit ihm zusammengearbeitet haben, blieb er ein Leben lang ein verlässlicher und immer präsenter Ansprechpartner und Berater.

 

Wir möchten seiner Frau, die ihm ein Leben lang zur Seite gestanden hat, und seinen Kindern, die beide erfolgreich eine medizinische Laufbahn eingeschlagen haben, unser Beileid aussprechen und wünschen Ihnen alles erdenklich Gute und viel Kraft. Und wenn es in der Trauer auch schwerfällt, sie können stolz auf das erfüllte Leben ihres Ehemannes und Vaters blicken.

 

Prof. Dr. med. habil. Christoph-E. Heyde, Universitätsklinikum Leipzig

​PD Dr. med. habil. Mohamed Ghanem, Universitätsklinikum Leipzig